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Strategische Pflanzplanung

Jonas Reif, früherer Redakteur von GARTENPRAXIS und GÄRTEN, ist seit einem Jahr Professor für das Gebiet Pflanzenverwendung und Vegetationskonzepte. ? ©& nbspBGL

Pflanzplanung ist mehr als nur dekoratives Grün. Sie ist ein aktiver und strategischer Bestandteil für eine nachhaltige und grüne Infrastruktur, wie Jonas Reif im Interview erläutert. Seit Herbst 2019 hat der ehemalige verantwortliche Redakteur von GARTENPRAXIS und GÄRTEN an der Fachhochschule Erfurt die Professur für Pflanzenverwendung und Vegetationskonzepte inne.

Jonas Reif, Sie forschen und lehren an der FH Erfurt im Fachbereich „Pflanzenverwendung und Vegetationskonzepte“. Was sind Ihre Schwerpunktthemen?

Reif: Neben allgemeinen Aspekten der Pflanzenverwendung, die den standortgerechten Einsatz von Pflanzen sowie ästhetische und funktionale Aspekte einschließt, beschäftige ich mich intensiv mit zwei Fragen: Was können Pflanzen alles im urbanen Raum leisten? Und wie nachhaltig sind Pflanzprojekte? Man kann das sehr gut unter dem Titel „Strategische Pflanzplanung“ zusammenfassen.

Strategische Pflanzplanung klingt gut – was bedeutet das konkret?

Reif: Die Pflanzplanung wird oft nur als eine Teilaufgabe der Freiraumplanung angesehen. Damit bleibt sie aber hinter ihrem Potential zurück. Angesichts zunehmender Verstädterung und dem Klimawandel wird eine Stadtplanung gefordert, die die Überhitzung von urbanen Bereichen vermindert (HeatResilientCity). Die besten Klimaanlagen in Städten sind zweifellos Bäume – aber nur dann, wenn sie mit ausreichend Wasser versorgt sind. Eine strategische Pflanzplanung sollte nicht nur „Restflächen in der Stadt“ begrünen, sondern aktiv Bestandteil der Architektur sein. Eigentlich sollten in Innenstädten gar kein Gebäude mehr ohne aktiv bewässerte Gründächer und Baumreihen von deren Südseite gebaut werden.

Stichwort Nachhaltigkeit: Bedeuten mehr Pflanzen nicht automatisch mehr Nachhaltigkeit?

Reif: Wenn man die Gartencenter-Sortimente mit den vielen kurzlebigen Pflanzen sieht, habe ich daran meine Zweifel. Aber auch der umgekehrte Ansatz, Pflanzen ein langes Leben zu ermöglichen – beispielsweise durch die Schaffung optimaler Baumstandorte, muss nicht zwingend die nachhaltigste Lösung sein. Warum nicht auch mal anspruchsarme Pionierbaumarten in Straßen pflanzen, die nach 30 Jahre ausgetauscht werden? Die Pflegekosten eines Baumes nehmen im Alter beträchtlich zu ? Lebenszykluskosten und CO2-Bilanzen sollten auch bei der Pflanzenverwendung eine Rolle spielen.

Die Folgen des Klimawandels zeigen sich verstärkt im bebauten Raum. Welche Sortimente – insbesondere bei Gehölzen – haben Zukunft?

Reif: Es ist naheliegend, dass Hitze- und Trockenstress ertragende Gehölze inzwischen im Fokus stehen. Aber wenn wir vor allem in Innenstädten die aktive Kühlfunktion wollen, dann brauchen wir auch Pflanzen, die – mit künstlicher Bewässerung – maximal transpirieren. Der Klimawandel hat gewiss viele Nachteile, aber nicht nur. Vor allem in Städten können wir durch weniger Frosttage inzwischen auf ein größeres Sortiment an Pflanzen zurückgreifen, einschließlich Palmen, Wüstenpflanzen und australischem Eukalyptus.

Was wird in Zukunft nicht (mehr) funktionieren?

Reif: Dies kann man weniger an konkreten Arten ausmachen. Vielmehr geht es darum, dass wir falsche Pflanzen am falschen Standort vermeiden sollten. Dies bedeutet in der Konsequenz auch, vorhandene Pflanzen zu ersetzen, wenn sich die Rahmenbedingungen deutlich verschlechtert haben. Diese Denkweise entspricht nicht unbedingt den Baumschutzsatzungen.

Groß gedacht: Wie stellen Sie sich die „Grüne Infrastruktur“ der Städte vor?

Reif: Eine grüne Infrastruktur fängt damit an, dass neue Gebäude „grün“ geplant werden, also mit Pflanzenverschattung, bewässerten Gründächern und Grauwassernutzung. In Innenstädten sollten selbst kleine Flächen begrünt werden. In Straßen müssen Baumpflanzungen eine Vorrangstellung gegenüber Medien und Parkplätzen erhalten. Das Thema Artenvielfalt spielt eine wesentliche Rolle. Es wäre sinnvoll, wenn Behörden die in den USA anerkannte 30/20/10-Regel nach Santamour beachten würden, die eine höhere Diversität bei Baumpflanzungen zur Folge hätte.

Was besagt die 30/20/10-Regel?

Reif: Maximal 30 Prozent aller in Straßen und Parkanalgen gepflanzten Bäume sollen aus einer Pflanzenfamilie stammen, 20 Prozent aus einer Gattung und 10 Prozent von einer Art – einige amerikanische Grünflächenämter gehen auch noch weiter (15/10/5). Mehr Artenvielfalt scheint die beste Prävention, o gegen neue Krankheiten und klimabedingte Veränderungen gewappnet zu sein. Demzufolge wären in vielen deutschen Städten die Anteile an Linden, Spitz-Ahorn und Ahornblättriger Platane zu reduzieren.

Soll guy also in Zukunft verschiedene Baumarten in einer Straße verwenden?

Reif: Soweit so muss man nicht gehen. Aspekte auf welche weise Ordnung, Gliederung und Identitätsstiftung zocken ebenfalls eine wichtige Rolle c/o der Auswahl – da m?chtigkeit es schon Sinn, eine Straße mit derselben Art zu bepflanzen.

Kirschlorbeer, Cotoneaster, Forsythie? Die Pflanzenauswahl ist jetzt anspruchsvoller als noch vor zehn Jahren. Welche Bedeutung haben Pflanzenkenntnis und -verwendungswissen in Zukunft?

Reif: Dank vielfältiger Forschung, der Entwicklung von übertragbaren Pflanzkonzepten (z. B. Staudenmischpflanzungen) sowie der Digitalisierung steht uns jetzt ein großer Wissensfundus zur Verfügung, auf den jeder zugreifen koennte. Gute Pflanzenbestimmung-Apps erleichtern zudem dieses Bestimmen von Pflanzen. Derartige Entwicklungen müssen auch in der Lehre berücksichtigt werden. Es geht furthermore immer stärker um die richtige Anwendung, als um die Mediation von detailliertem Pflanzenwissen. Und trotzdem: Ohne einen soliden Grundstock a good Pflanzenkenntnissen wird man auch within Zukunft nicht auskommen, sie sind immer wieder und bleiben die Basis für eine standortgerechte Pflanzenverwendung. ?

Zur Person: ?

Seit Herbst 2019 ist Jonas Reif a good der Fachhochschule Erfurt in dieser Fachrichtung Landschaftsarchitektur zum neuen Teacher für das Gebiet „Pflanzenverwendung sowie Vegetationskonzepte“ berufen. Von 2011 bis hin zu 2018 war er Verantwortlicher Redakteur der Ulmer-Fachzeitschriften „Gartenpraxis“ und „Gärten“. Darüber hinaus hat er jede menge Fachbücher zu Themen der Pflanzenverwendung veröffentlicht.